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Rapunzel - Sucht und Missbrauch

 

 

In der Nachbarschaft einer mächtigen Zauberin lebt ein Ehepaar, das sich schon lange ein Kind wünscht. Nun wird die Frau endlich schwanger und entwickelt Appetit auf etwas ganz Bestimmtes. Aber nicht nach sauren Gurken steht der werdenden Mutter der Sinn, sondern nach den Rapunzeln, dem Feldsalat, der im Garten der Zauberin wächst.

Die Lust auf die Rapunzeln aus Nachbars Garten wird so unnatürlich, dass die Frau offensichtlich nichts anderes mehr essen kann. Sie magert ab. Ihr Zustand spitzt sich zu; sie glaubt schließlich, sterben zu müssen, wenn sie nichts von den Rapunzeln bekommt. Der erschrockene Ehemann, der seine Frau und das ungeborene Kind in größter Gefahr sieht, weiß sich keinen anderen Rat, als dem Verlangen seiner Frau nachzugeben. Er lässt sich abends in den nachbarlichen Garten hinab, stiehlt eine Handvoll Rapunzel und kehrt unentdeckt zurück. Seine Frau isst von den Rapunzeln. Doch der Genuss der Speise hat das Verlangen nicht stillen können. Es ist nur noch größer geworden.

Rapunzel gehört nicht zu den Salatpflanzen, sondern gehört der Familie der Baldriangewächse an. Das in ihm enthaltene Baldrianöl soll bei Angst- oder Spannungszuständen beruhigend wirken. Seit über 2000 Jahren ist Baldrian als harmloses Heilmittel bekannt. Nun gehört es zu den Merkmalen dämonischer Wesen im Märchen, dass sie harmlose, alltägliche Gegenstände oder Nahrungsmittel mit gefährlichen Eigenschaften ausstatten können. Ein Apfel wird giftig, Wasser weckt Raubtierinstinkte, und der Feldsalat aus dem Garten der Zauberin erzeugt ein unwiderstehliches Verlangen. Der Feldsalat ist als Symbol von zweifacher Bedeutung aufzufassen. Einmal ist durch die Verwandtschaft mit dem Baldrian der Gebrauch von Beruhigungsmitteln angesprochen, auf der anderen Seite ist auch das Thema der Magersucht angedeutet, da es sich um ein Essverhalten handelt, das Todesgefahr beinhaltet. Auch die Forschung beschreibt einen solchen Zusammenhang, dass nämlich Alkohol und Psychopharmaka bei Essstörungen eine erhebliche Rolle spielen.


Die Ehefrau kann weder an ihr ungeborenes Kind noch an ihren Ehemann denken. Das Zentrum ihres Lebens sind Rapunzeln geworden. Der Ehemann muss wiederum den gefahrvollen Weg in den Garten antreten. Diesmal geht die Sache schlecht aus. Die zornige Zauberin entdeckt ihn und macht ihm Vorhaltungen, dass er sich wie ein Dieb in ihren Garten geschlichen habe. Sie erlaubt allerdings, dass er sich so viel Rapunzeln mitnehmen darf, wie er will. Dafür verlangt sie nichts weniger als das Kind, das seine Frau gebären wird. Es gibt keine Alternative: Wenn der Ehemann den Vorschlag nicht annimmt, so sterben seine Frau und mit ihr das ungeborene Kind. Die Situation im Garten der Zauberin ist nun vollends zugespitzt, das Leben von drei Menschen ist in Gefahr, denn auch der Ehemann wird nicht heil aus dem Garten herauskommen, wenn er sich den Wünschen der Zauberin nicht fügt. Und so nimmt er den Handel an. Im Märchen ist der dreiteilige klassische Verlauf einer Sucht beschrieben:

"Unter Sucht versteht man ein bestimmtes Verhaltensmuster, das mit einem unwiderstehlichen, wachsenden Verlangen nach einem bestimmten Gefühls- und Erlebniszustand beschrieben wird. Jede Sucht entsteht über den Prozess: Erfahrung - Wiederholung - Gewöhnung (Missbrauch)."  http://www.blaues-kreuz.de/bkd/sucht/sucht.htm Das Dämonische tritt also genau an der Stelle auf, an der aus dem Verlangen nach den Rapunzeln eine Sucht zu werden droht. Eine Sucht ist für alle Beteiligten eine gefährliche Angelegenheit. Sie ist in krassen Fällen so dominant, dass die Familie oder andere nahestehende Personen keine Rolle mehr spielen. Nur die Beschaffung zählt, nur der Gedanke an das Suchtmittel. Das eigene Leben wird dabei ebenso bedenkenlos ruiniert wie auch das Leben anderer: Für den Süchtigen spielt es keine Rolle. Diese Gefährlichkeit wird mit dem Auftreten der Zauberin im Märchen ausgedrückt. Die Sucht, die nun über das Leben der gesamten Familie bestimmt, fordert einen Preis: das Neugeborene der dämonischen Zauberin auszuliefern.

Zwölf Jahre vergehen, bevor die Handlung von "Rapunzel" wieder einsetzt, die nun im heiratsfähigen Alter ist. Ein Ehegesetz der katholischen Kirche im Mittelalter legte die Mündigkeit eines Mädchens auf zwölf Jahre fest. Die Zauberin, Frau Gothel, hat das Mädchen in einen Turm mitten im Wald eingesperrt. Ein Taufpate wird auch heute noch in einigen Gemeinden als Gotte bezeichnet und diese Bedeutung ist im Namen der Zauberin, Frau Gothel, enthalten. Nur sie kann es dort besuchen, der Turm hat keinen Eingang, sondern nur ein Fenster in großer Höhe.

Nun werden die Vorgänge im Märchen innerhalb der volkskundlichen Deutungen gern in die Nähe primitiver Mysterien wie etwa der Pubertätsriten archaischer Völker gerückt. Die Isolation oder auch Gefangennahme eines Mädchens wie Rapunzel ist aus dieser Sicht eine notwendige temporäre Prozedur, um den Eintritt in die Erwachsenenwelt zu ermöglichen. Eine große Anzahl an Beispielen ist verfügbar, um die Spuren solcher Riten im Märchen wiederzufinden (Alfred Winterstein, Pubertätsriten der Mädchen, in: Märchenforschung und Tiefenpsychologie, Band CII, Seite 56). Diese Art von Rückführung der Märchen zu Zeitzeugen archaischer Gebräuche können jedoch weder die jeweilige Handlungsstruktur eines Märchens noch die Bilderwelt stimmig erfassen, die wie Zahnräder ineinander greifen und die gesamte Handlung bestimmen. Rapunzel wird zum "Reifungsmärchen" erklärt und der eigenständige Typus AT 310 nach Aarne/Thompson, The Types of Folktale, in die Nähe ähnlicher Märchen wie beispielsweise des Marienkindes gerückt, da sich ähnliche Motive finden, wie beispielsweise das isolierte Leben eines jungen Mädchens an einem Ort, der zudem vom Erdboden entfernt ist (Wilhelm Laiblin, Das Urbild der Mutter, in: Märchenforschung und Tiefenpsychologie, Band CII, Seite 100). Es wird jedoch nicht genügend hinterfragt, wieso es einmal ein Turm, ein andermal ein Baum ist. Die beiden unterschiedlichen Motive werden nicht differenziert und ebenso wenig ihr Sinn im direkten Zusammenhang mit dem übrigen Text gesucht.

Der Turm ist innerhalb des Rapunzelmärchens von tragender Bedeutung. Es ist nicht möglich, beispielsweise einen Baum an seine Stelle zu setzen, ohne die gesamte Aussage des Textes zu verfälschen. Der Turm ist das erste architektonische Zeugnis von Aggression in Europa. Die ersten Burgen bestanden aus einfachen Wohntürmen, die nur über eine Leiter betreten werden konnten. Bei Gefahr wurde sie von oben eingezogen. Nun ist es aber mit der Feindseligkeit eine besondere Sache. Wie die Geschichte lehrt, ist die Schutzmassnahme in vielen Fällen nicht die Wirkung, sondern die Ursache, das Zentrum der Gewalt selbst. Die vermeintliche Bedrohung von außen ist eine Mystifikation, um die tatsächliche Aggression zu verschleiern...

Autorin: Angelika Dissen

 

Die gesamte Interpretation ist in unserem Shop auf CD-ROM erhältlich.

Walter Crane, Illustration zu Rapunzel (1886)