Home
Märchen
Autoren
Bilder
Interpretationen
Service
Kontakt
Impressum
Links
Shop

 

In

ter

pre

ta

tionen

Der Froschkönig  -  Die Kälte der Macht

 

 

Die Kugel ist als die perfekte dreidimensionale Form Symbol für eine Vollkommenheit, die den Beginn des Grimmschen
Märchens "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich" bestimmt: Von einer Königstochter ist die Rede, die nicht nur schön ist, sondern die Schönheit ihrer Schwestern überstrahlt, dass selbst die Sonne sich über sie wundern muss. Sie hat einfach alles: Prestige, Schönheit und ein so angenehmes Leben, dass sie aus Langweile mit einer goldenen Kugel spielt.

Doch die heitere Szene hat einen dunklen Unterton. Hier fehlt etwas, das unbedingt in dieses schöne Bild gehörte. Denn trotz ihres Status und ihrer Schönheit sitzt die Prinzessin allein an einem Brunnen, ein Ort, den man doch gleich mit Geselligkeit assoziiert. In mittelalterlichen Städten galt der Brunnen als Zentrum der Kommunikation zwischen den Bürgern. Die Brunnen waren kostbar, da der Bau sehr mühsam war und das Gestein von Hand weg geschlagen werden musste. Noch bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts holten sich die Menschen von Dörfern und Städten ihr Wasser an öffentlichen Brunnen. Hier traf man sich, erzählte sich Neuigkeiten und trieb seine Scherze. Es nimmt daher auch nicht wunder, dass der Brunnen in vielen Erzählungen eine wichtige Rolle in verschiedensten Zusammenhängen spielt. Einerseits galt die Entstehung der Brunnen als heilig, um die sich zahlreiche Legenden und Mythen ranken, andererseits ist der Brunnen Sitz von dämonischen Wesen oder auch als Einstieg in die Unterwelt bekannt. In zahlreichen Märchen spielt ein Brunnen als Requisit bei unlösbaren Aufgaben eine hilfreiche Rolle. Er ist aber auch als Strafort, als Gefängnis, dann auch wieder als Ort der Weissagung innerhalb der Volkserzählung bekannt.

Gerade ein Ort der Begegnung ist also für die Königstochter ein Ort der Abgeschiedenheit. Hier fehlt die Gesellschaft, die eigentlich in dieses schöne Bild gehörte. Das Spiel mit der Kugel verstärkt das Fehlen eines Gegenübers, es ist ein Bild für einen Monolog, der anstelle einer dialogischen Beziehung getreten ist. Als die Kugel versehentlich in den Brunnen rollt, wandelt sich das heiter spielerische Bild endgültig zu tiefer Verzweiflung, die so tief ist wie der Brunnen, in dem die goldene Kugel verschwunden ist. Nahe liegend wäre es, wenn die Königstochter zu ihren Eltern gehen oder einen der Bediensteten um Hilfe bitten würde, ihr Lieblingsspielzeug aus dem Schacht zu holen. Doch davon ist nicht die Rede. Die verzweifelte Lage scheint sich dadurch nicht lindern zu können.

Auch wenn man statt der letzten Fassung die erste Ausgabe der Grimmschen Sammlung des "Froschkönigs" zugrunde legt, in der die Königstochter nicht charakterisiert wird, so bleiben doch die zentralen Aspekte wie der Ort des Geschehens, das Spiel mit der Kugel und die Klage über ihren Verlust gleich. Die Gebrüder verstärkten die scheinbare Vollkommenheit der Szene, wenn auch nicht immer mit Gewinn: In der ersten Fassung gibt es nach dem monologischen Spiel den Monolog der Königstochter über den Verlust der Kugel, die ihr wertvoller erscheint als Krone und Reichtum, was künstlerisch stimmiger ist.
In der letzten Fassung findet dieser Vergleich erst im Gespräch mit dem Frosch statt. Die Brüder Grimm selbst kannten insgesamt drei Varianten des "Froschkönigs". Eine rückt den Froschkönig in die Nähe von AT 313 (Magische Flucht), eine andere hat weder die goldene Kugel noch den eisernen Heinrich im Repertoire. Insgesamt sind 38 deutschsprachige Varianten schriftlich überliefert worden. Innerhalb der verschiedenen Varianten kann der Tierbräutigam auch in der Gestalt einer Kröte, eines Krebses, einer Schlange und eines Skorpions erscheinen Vor allem im nordeuropäischen Raum ist das Märchen sehr bekannt gewesen, in Südeuropa dagegen nur vereinzelt (Enzyklopädie des Märchens, S.411, im weiteren EM).
Allen Varianten ist eine durchgehende Handlungsstruktur gemeinsam, die sie zu einem eigenständigen Typus AT 440 nach der Klassifikation von Antti Aarne und Stith Thompson, "The Types of the Folktale" machen. Eine Frau steht im Mittelpunkt, die etwas Wichtiges verliert oder sogar in Lebensgefahr ist. Eine Tier erscheint und bietet seine Hilfe an, aber es fordert etwas dafür. Der tierische Helfer zwingt die Frau zur Einhaltung ihres Versprechens.

Mit dem Erscheinen des Frosches wird der Brunnen zu einem Ort der Begegnung. Der sprechende Frosch bietet das an, was in dem scheinbar so vollkommenen Bild fehlt: Gesellschaft. Er ist kein dienstbarer Geist, kein helfendes Tier, sondern mit der Absicht aufgetaucht, "Geselle" des Mädchens sein. Die Königstochter bietet ihren gesamten Besitz, sogar ihre Krone an.
Deutlich wird, wie eigenartig wenig ihr der Reichtum und ihre königliche Geburt wert sind. Doch das Wesen aus dem Brunnenschacht verzichtet ebenfalls auf diese Art der Entlohnung. Auch ihm scheinen Königswürde und Reichtum belanglos, wenn es nur zum Gefährten ernannt wird, und zwar bei Tisch und Bett. Während der Frosch sich nichts Besseres denken kann, als Gefährte der Königstochter zu sein, so ist die Königstochter mit ihrem ganzen Herzen an ihre goldene Kugel gebunden.

Doch was ist das für eine Gesellschaft am Brunnen? Ein gegensätzlicheres Paar als Frosch und Königstochter ließe sich wohl kaum erfinden. Licht und Dunkelheit stehen sich in diesen beiden Figuren konträr gegenüber. Die Königstochter ist zunächst in allem überlegen: Sie wird als ein herausragendes Exemplar der Gattung Mensch beschrieben, der Frosch dagegen steht auf der evolutionären Leiter mit seiner Zugehörigkeit zu den Amphibien an vorletzter Stelle. Der Frosch quakt, so glaubt die Königstochter, dummes Zeug, als er ihr sein Angebot unterbreitet, er ist ja an sein Wasser gebunden. Und ihre Überlegenheit macht sich auch körperlich bemerkbar, sie rennt ihm schließlich einfach davon, seine kleinen Beinchen sind nicht so flink wie ihre. Interessant ist, wie sorgfältig das Märchen seine Gestalt für den Tierbräutigam aussucht. Der Wasser- See- oder Teichfrosch ist nur schwer bestimmbar, da die Arten so ähnlich sein. Sie sind in ganz Deutschland an und in Gewässern heimisch. Diese Frösche leben sehr gesellig und da sie sehr häufig vorkommen, haben sie etwas "Gewöhnliches". Meistens sind sie in unmittelbarer Nähe der Gewässer zu finden, also in ihrem Lebensraum "beschränkt".

In Fabeln taucht der Frosch ganz allgemein als prahlerisch und dumm auf. Innerhalb der europäischen Volkserzählung hat der Frosch "die Rolle eines unbedeutenden und böswilligen Tieres" (EM, Bd. 5 Seite 399). Außerhalb Europas, in Ägypten beispielsweise, wird der Frosch immer wieder, ausgehend von der Symbolik im alten Ägypten mit Fruchtbarkeit und Wiedergeburt in Zusammenhang gebracht. Leicht verständlich, wenn man bedenkt, dass nach der Nilschwemme Tausende von Fröschen aus dem Schlamm krochen.

Der Frosch als Tierbräutigam ist keine Gesellschaft für die Königstochter. Sie willigt zwar in den Handel ein, bei dem der Frosch die Notlage der Prinzessin ausnutzt. Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass der Frosch, wie unbedeutend auch immer er dargestellt wird, einen weiteren für das ganze Geschehen sehr wichtigen Zug bekommt: Er setzt von Anfang an auf eine Machtposition gegenüber der Königstochter. Das Versprechen kann er ihr nur abringen, weil die verlorene Kugel eine solche Bedeutung für das Mädchen hat. Jedoch kann sie weder ihn noch den Handel mit ihm ernst nehmen. Schnell läuft sie ihm davon und vergisst ihre seltsame Begegnung auf der Stelle, sobald sie ihre Kugel wieder hat und nach Hause gelaufen ist...

Die gesamte Interpretation ist in unserem Shop als Buch und auf der Märchenkristall CD-ROM erhältlich.

Paul Meyerheim, Illustration zum Froschkönig (1889)