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Schneewittchen
ist eines der wenigen Zaubermärchen, in dem die Entstehung eines
dämonischen Wesens und damit die Genese zerstörerischer Aggression
gezeigt wird. Gewalt ist eines der bedeutendsten Themen unseres Jahrhunderts.
Die europäischen Zaubermärchen bieten in dieser Hinsicht multifunktionale
Erklärungsmuster, die es mit dem Wissenstand der aktuellen Forschung
aufnehmen, ja sie sogar in vieler Hinsicht übertreffen.
Das Märchen von Schneewittchen beginnt auf dem Hauptschauplatz zerstörerischer
Aggression. Denn es sind nicht die nationalen oder internationalen Konflikte,
sondern die Familien, in denen rund 85 Prozent aller Gewalttaten verübt
werden.
In einer Familie
beginnt auch das Märchen von Schneewittchen. Ganz unvoreingenommen
betrachtet, handelt es sich zunächst um eine dramatische Veränderung
in einem familiären Beziehungsgefüge. Nicht nur die Mutter Schneewittchens
stirbt, sondern die neue Partnerin des Vaters bringt eine bis dahin unbekannte
und sehr gefährliche Dimension in Schneewittchens Leben ein. Auch
wenn es einiges für sich hat, die leibliche Mutter und Schneewittchens
Stiefmutter als ein und dieselbe Person zu betrachten, so wie es beispielsweise
innerhalb der Interpretation von Eugen Drewermann geschieht. So sieht
die Ausgangssituation im Märchen aus: Die einsam am Fenster sitzende
Königin, die Drewermann wie in einem Trauerrahmen abgebildet sieht,
näht und sticht sich dabei in den Finger. Einzig die Existenz eines
Kindes, das sie sich sehnlichst wünscht, könnte diesem Dasein
noch Hoffnung geben.
Ausgerechnet bei dem schmerzhaften Stich der Nadel in den Finger, denkt
die Königin an ihr Kind, für das sie eine genaue Vorstellung
entwickelt: Rot wie Blut, weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz
soll es sein. Treffend stellt Drewermann dar, wie aus einer solchen Frau
die gefährliche Täterin wird, die ihrer Tochter nach dem Leben
trachtet.
Doch für eine solch dramatische Persönlichkeitsveränderung,
die mit sich bringt, dass aus dem ersehnten Wunschkind der verhasste Feind
wird, gibt es im Text keine Anzeichen. Eine solche Entwicklung wird beispielsweise
in Brüderchen und Schwesterchen dadurch dargestellt, dass die Stiefschwester
nach Schwesterchens gewaltsamem Tod ihre Gestalt annimmt. Doch in diesem
Märchen stirbt Schneewittchens Mutter eines natürlichen Todes
und nichts deutet darauf hin, dass die Königin innerlich zu einer
anderen geworden ist. Zudem gehört die Farbe Schwarz nicht zum Märchentypus
nach Antti Aarne und Stith Thompson, die in ihrem für das Märchen
grundlegenden Werk "The Types of the Folktale“ aus allen ihnen
bekannten Varianten einen Grundtypus konstruierten. In AT 709 sind die
Farben Rot und Weiß für das Märchen entscheidend. Rot
wie Blut, weiß wie Schnee soll das Kind der Königin sein. Was
es mit dieser Farbkombination auf sich hat, wird in einem späteren
Teil des Märchens noch deutlich werden. Hier sei nur so viel gesagt,
dass es sich um ein Bild für die Liebe handelt.
Als die Stiefmutter
nach dem Tod von Schneewittchens leiblicher Mutter die Bildfläche
betritt, hat sie keine erwähnenswerte Beziehung zu einem Menschen.
Ihre Einsamkeit und Liebesunfähigkeit werden in dem Bild des sprechenden
Spiegels beschrieben. In einen Dialog tritt sie nur mit ihrem Zauberspiegel,
der ihre Identität als Superlativ zurückspiegelt. Doch wie ändert
sich die Szenerie, als die Versicherung, die schönste von allen zu
sein, eines Tages ausbleibt. Wie groß ist das Erschrecken, als sie
hören muss, dass es jemanden gibt, der schöner ist als sie.
Ausführlich beschreibt das Märchen, wie der Spiegel, der die
Stiefmutter einstmals so zufrieden gemacht hat, sie nun in den entgegengesetzten
Zustand treibt. Hass und Neid gedeihen in ihr, die negativen Empfindungen
plagen sie Tag und Nacht. Nur in einer absoluten Ausnahmeposition kann
sie existieren. Sobald die fixe Idee von ihrer konkurrenzlosen Schönheit
angegriffen wird, brechen ihre feindseligen Impulse mit voller Macht hervor.
Damit ist sie als narzisstisch gestörte Persönlichkeit dargestellt,
die ausschließlich Kontakt zu sich selbst pflegt. Ihr Charakteristikum
ist Grandiosität, sie will nicht nur schön, sondern die Schönste
von allen sein. http://www.lptw.de/vortraege2002/m_cierpka.htm
Bekannt ist der Mythos von Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild
verliebte und daran zugrunde ging. Freud hat nach dieser mythologischen
Figur eine Phase innerhalb der frühkindlichen Entwicklung benannt.
Innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung ist die narzisstische Phase
ein notwendiges Durchgangsstadium des Kindes. Wird die Entwicklung gestört,
kann es beim erwachsenen Menschen zu einer Rückkehr auf eine frühere
Stufe kommen, auch Regression genannt, zu einem sekundären Narzissmus.
Die Libido wird von den Außenobjekten abgezogen und das eigene Selbst
zum Liebesobjekt ernannt. Verschiedene moderne Analytiker bezweifeln allerdings,
dass der pathologische Narzissmus einen Rückgriff auf ein selbstverliebtes
Entwicklungsstadium darstellt. Die Menschen, die an einer narzisstischen
Störung leiden, lassen sich nun gar nicht dadurch charakterisieren,
dass sie sich besonders mögen. Die Psychoanalytikerin Alice Miller
etwa sieht in der narzisstischen Störung den Verlust des wahren Selbst.
Wenn die Mutter das Kind nicht in seiner Eigenheit sieht und spiegelt,
sondern ihm die eigene Persönlichkeit aufzwingt, so entwickelt das
Kind ein falsches Selbst. Das Verlangen nach Grandiosität ist der
Versuch, den tiefen Schmerz über das verlorene Selbst zu verleugnen.
Je größer der Verlust, desto stärker ist der Wunsch nach
Grandiosität. Gelingt die grandiose Spiegelung nicht, wird der Selbstverlust
spürbar, so ist der Preis Gewalt oder eine tiefe Depression...
Autorin: Angelika
Dissen
Die gesamte Interpretation
ist in unserem Shop als Buch
erhältlich.
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