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Brüderchen und Schwesterchen - die Welt der Täter und Opfer

 


Auch in diesem Märchen stehen wie so oft - zumindest in der Sammlung der Brüder Grimm - zwei Waisen im Mittelpunkt der Handlung, die in ihrer Familie keine Liebe erfahren. Dass Kinder, die einen oder beide Elternteile verloren haben, so häufig Märchenhelden sind, wurzelt in historischen Tatsachen. Zunächst einmal wurden die Menschen früher nicht annähernd so alt wie im heutigen Europa. Krankheiten und Seuchen grassierten. Das Leben der meisten Menschen war durch Hunger und Krankheit gezeichnet. Viele Frauen starben sehr oft in jungen Jahren, viele auch im Kindbett und ließen ihre Kinder zurück.


Wenn eine Frau einen Mann heiratete, der Kinder aus einer vorhergehenden Ehe mitbrachte, so bedeutete das in vielen Fällen mehr Hunger und größere Not. Und oft ging es nur um das Überleben. Auch die böse Stiefmutter begegnet dem Leser in diesem Märchen wieder. Es ist viel darüber geschrieben worden, dass die Stiefmutter im Märchen eine so schlechte Rolle zu spielen hat. Wünschenswert war es sicherlich, dass die neue Mutter eine zugewandte Beziehung zu den Kindern aufbaut, doch war es in der Realität der Regelfall oder die Ausnahme? Die Frauen waren auch finanziell völlig von ihrem Mann abhängig, sie hatten im Mittelalter nur ihre Mitgift, über die sie erst im Todesfall des Mannes frei verfügen konnten, so dass sie sich den Machtansprüchen ihres Ehemanns vollkommen zu fügen hatten. Dass viele Frauen unter diesen Bedingungen den Druck weitergaben, kann nicht verwundern. Rechtlich ähnlich schlecht gestellt wie die Frauen waren ja nur noch die Kinder, die auf Gedeih und Verderb dem Gutdünken ihrer Familien ausgeliefert waren. Es wird angenommen, dass in der Antike bis zum frühen Mittelalter etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller neugeborenen Babys getötet wurde.


Doch zurück zum Märchen von Brüderchen und Schwesterchen. Ein Geschwisterpaar, dessen Mutter gestorben ist, wird so schlecht behandelt, dass die beiden beschließen, von zu Hause fortzulaufen. Nur hartes Brot und Fußtritte, mehr hat die Stiefmutter nicht für sie übrig. Bruder und Schwester wandern gemeinsam bis zum Abend. In einem großen Wald legen sie sich schlafen. Am nächsten Morgen steht die Sonne schon hoch am Himmel, es ist heiß und die Kinder sind vor allem sehr durstig. Es gibt Brunnen im Wald, doch mit ihnen hat es eine besondere Bewandtnis. Die Stiefmutter ist nicht etwa froh darüber, anders als man es zunächst annehmen konnte, dass die ungeliebten Esser fort sind. Sie ist ihnen nachgeschlichen und hat die Brunnen verwünscht; die Stiefmutter ist eine Hexe.
Das Mädchen hört, wie der erste Brunnen sie warnt. Jeder, der aus ihm trinke, werde ein Tiger, murmelt das Wasser. Der zweite Brunnen verrät, dass er den Durstigen in einen Wolf verwandeln werde. Beim dritten Mal hört Schwesterchen, dass das Wasser flüstert, es könne aus einem Menschen ein Reh machen.


Die Tierverwandlung ist das Charakteristikum des Märchens von Brüderchen und Schwesterchen. Dieses Motiv macht die zahlreichen Varianten, die verschiedenen anderen Märchentypen nahe stehen, zu einem eigenständigen Typus AT 450 nach der Klassifikation von Antti Aarne und Stith Thompson, "The Types of the Folktale". Obwohl die Verwandlung beispielsweise in den russischen Varianten auch durch ein anderes Medium wie beispielsweise durch Lecken an Ziegensalz, Drachen- oder Hexenfett ausgelöst werden kann (siehe: Enzyklopädie des Märchens, Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Stichwort: Brüderchen und Schwesterchen, Seite 919 ), gehört das Wasser innerhalb des Typus AT 450 zum Erzählkern des Märchens. In der Enzyklopädie des Märchens werden auch ausführlichere Hinweise zum Alter und zur Verbreitung des Märchens gegeben. Die frühesten Belege stammen aus dem Jahr 1558.


Da die Tierverwandlung das Charakteristikum des Märchens ist, lohnt es sich, sie aufmerksam zu betrachten. Am ersten Brunnen sollen aus den Kindern, wenn sie von dem Wasser trinken, Raubtiere werden, die ohne jede Beziehung untereinander sind. Denn nur zur Paarung treffen Tiger aufeinander, ansonsten gehen sie sich, da sie einzelgängerische Lebewesen sind, aus dem Weg. Der Gestaltwandel, den der zweite Brunnen bewirkt, lässt den Betroffenen ebenfalls zu einem Raubtier werden. Wölfe sind aber im Gegensatz zu Tigern Rudeltiere mit einer ausgeprägten Sozialstruktur und einer strengen Hierarchie um einen Leitwolf herum. Das Wasser des dritten Brunnens hat eine ganz andere Auswirkung: Ein harmloses Reh, das sich zu seiner Verteidigung allein auf seine Schnelligkeit und Beweglichkeit verlassen muss, lebt in einer familienähnlichen Gruppe. Rehe leben in Verbänden, die um eine Hirschkuh gruppiert sind und ernähren sich rein vegetarisch. Mit der Rehgestalt verwandelt sich der Verzauberte aber auch in ein Beutetier für die beiden Raubtiere. Rehe werden nämlich von Wölfen und Tigern vorzugsweise gejagt.


Nun ist Schwesterchen aber in der Lage, die „Sprache“ des Wassers zu entschlüsseln. Sie sagt: „Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Tiger und frissest mich" (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand von 1857). Sie merkt nicht nur, dass mit dem Wasser etwas nicht in Ordnung ist, sondern sie hört sehr genau, was es im einzelnen ist. Sie allein kann die dämonische Veränderung der Wirklichkeit erkennen. Damit besitzt sie eine ganz einzigartige Fähigkeit, an der viele Märchenhelden scheitern. Die dämonische Veränderung der Wirklichkeit ist nämlich nicht sichtbar. Ob es Rapunzeln, Äpfel oder auch ein Lebkuchenhaus sind, die zerstörerische „Botschaft“, die in diesen Nahrungsmitteln enthalten ist, kann man nicht sehen. Erst wenn man davon gekostet hat, wenn etwas davon in das Innere des Menschen gelangt, entfaltet das Dämonische seine ganze Wirkung. In diesem Märchen ist es das Wasser selbst, das Schwesterchen kundtut, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist. An dieser Stelle wie auch in vielen anderen Märchen kommuniziert die Welt mit den Menschen. Dass jedoch jemand bemerken kann, dass die Wirklichkeit selbst dämonisch verändert wurde, hat Seltenheitswert. Schwesterchen hat ein Gespür und ein Ohr für diese Art von „Botschaft“. Sie versteht, dass mit der lebensspendenden Eigenschaft des Wassers eine zerstörerische Kraft verknüpft ist. Diese sich einander ausschließenden Eigenschaften, die in ein und demselben Objekt vorhanden sind, kann man als Symbol für einen Double Bind betrachten. Was mit dem Begriff Double Bind gemeint ist, wird in der Interpretation zu Schneewittchen ausführlich dargestellt. Hier sei nur so viel gesagt, dass die zauberische Macht der Stiefmutter Ausdruck der kreativen Destruktivität des Menschen ist. Sie äußert sich darin, dass die lebenserhaltende Realität in eine zerstörerische Wirklichkeit umgewandelt wird.
Während die Feindseligkeit der Stiefmutter, die sich in den zugewandten und freundlichen Handlungen verbirgt, von Schneewittchen nicht erkannt wird, kann Schwesterchen den Double Bind aufdecken. Er verliert damit gleichzeitig seine Wirkung auf das Mädchen.


Brüderchen besitzt Schwesterchens Fähigkeit nicht. Er trinkt nur deshalb nicht, weil ihn seine Schwester warnen kann. Zweimal wirkt die Mahnung, dass Schwesterchen in Lebensgefahr ist und rettet Brüderchen davor, zu einem Raubtier, Wolf oder Tiger, zu werden. Beim dritten Mal trinkt Brüderchen aus dem verwunschenen Brunnen, weil es sich nicht mehr zurückhalten kann. Wasser zu trinken gehört zu den basalen Grundbedürfnissen des Menschen. Ohne feste Nahrung kann der Mensch relativ lange auskommen, ohne Wasser jedoch im Regelfall nur drei Tage. http://www.grells.com/wasser1.htm
Schwesterchen legt dem Reh ihr goldenes Strumpfband um den Hals und führt es an einem geflochtenen Seil mit sich fort. Hier zeigt das Märchen die Besonderheit Schwesterchens. Sie besitzt ein goldenes Band. Es ist ein eindeutiges Symbol für die Fähigkeit, etwas zusammenzuhalten. Schwesterchens Bindungsfähigkeit ist besonders wertvoll, so dass sie bildlich mit der goldenen Farbe ausgestattet wird. Sie bewirkt, dass Brüderchen aus Liebe zu seiner Schwester darauf verzichtet, aus den ersten beiden Brunnen zu trinken. Schwesterchens Fähigkeit ist auch darin zu sehen, dass sie Menschen dazu bewegen kann, andere Menschen zu schützen, auch wenn sie dafür auf ein instinkthaftes Bedürfnis verzichten müssen. Interessanterweise sagt sie ja zu ihrem Bruder nicht, er soll nicht trinken, weil er zu einem Tiger wird, sondern dass er sie dann zerfleischen würde. Brüderchen - ganz auf sich gestellt und ohne die Bindung an seine Schwester– könnte der ersten dämonischen Verwandlung nicht entkommen. Er würde zum Tiger.


Das Bild des Raubtieres wird nur selten auf den Menschen angewandt. Dann beispielsweise, wenn eine „extreme Form der Aggressivität“ beschrieben werden soll, wie sie beispielsweise nach Ansicht von Dr. Christoph Paulus von der Universität des Saarlandes auf Serienmörder zutrifft (siehe nächsten Link) . Das Leben eines solchen Täters, der in der Berichterstattung schnell zur „Bestie“ gerät, ist überwiegend davon bestimmt, einen anderen Menschen wie eine Beute einzufangen und zu zerstören. Bis vor einiger Zeit war man der Meinung, dass es sich bei diesen Verbrechen um sexuell motivierte Taten handelt, da „Serienmordtaten (...) in fast allen bekannten Fällen extreme sadistisch sexuelle Komponenten“ beinhalten.“
http://www.uni-saarland.de/fak5/ezw/abteil/motiv/paper/murder.htm


Das entscheidende Motiv hat mit Sexualität jedoch wenig zu tun, kennzeichnend ist eine extreme Form der Aggressivität, die auf die Zerstörung des Opfers aus ist. Dr. Paulus zeigt in seinen Publikationen, dass solche Täter - ein Serientäter tötet mindestens dreimal - ein durchgängig feindseliges Deutungsschema von der Realität entwickeln. Nach seiner Auffassung geht es nicht um ein bestimmtes Ziel, dem die Aggression gilt, es findet auch keine Verschiebung auf ein anderes Objekt statt. Es scheint einen Zeitpunkt zu geben, an dem für diese Menschen nur noch ein Leben als Täter möglich zu sein scheint...

 

Autorin: Angelika Dissen

Die gesamte Interpretation ist als Buch und auf der Märchenkristall CD-ROM erschienen. Beides ist im Shop erhältlich.

Paul Meyerheim, Illustration zu Brüderchen und Schwesterchen (1857)