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Brüder Grimm Ausgabe letzter Hand von 1857 |
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Diese Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aver wahr is se doch, denn mien Grootvader, von den ick se hew, pleggte jümmer, wenn he se mie vortüerde (mit Behaglichkeit vortrug), dabi to seggen: "Wahr mutt se doch sien, mien Söhn, anners kunn man se jo nich verteilen." De Geschicht hett sick aber so todragen. Et wöör an enen Sündagmorgen tor Harvesttied, jüst as de Bookweeten bloihde; de Sünn wöör hellig upgaen am Hewen, de Morgenwind güng warm över de Stoppeln, de Larken süngen inn'r Lucht (Luft), de Immen sumsten in den Bookweeten, un de Lühde güngen in ehren Sündagsstaht nah 't Kerken, un alle Kreatur wöör vergnögt, un de Swinegel ook. De Swinegel aver stund vör siener Döhr, harr de Arm ünnerslagen, keek dabi in den Morgenwind hinut un quinkeleerde en lütjet Leedken vör sick hin, so good un so slecht, as nu eben am leewen Sündagmorgen en Swinegel to singen pleggt. Indem he nu noch so half liese vör sick hin sung, füll em up eenmal in, he künn ook wol, mittlerwiel sien Fro de Kinner wusch un antröcke, en beeten in't Feld spazeeren un tosehen, wie sien Stähkröwen stünden. De Stähkröwen wöören aver de nöchsten bi sienem Huuse, un he pleggte mit siener Familie davon to eten, darüm sahg he se as de sienigen an. Gesagt, gedahn. De Swinegel makte de Huusdöör achter sick to un slög den Weg nah 'n Felde in. He wöör noch nich gans wiet von Huuse un wull jüst um den Slöbusch (Schlehenbusch), de dar vörm Felde liggt, nah den Stähkröwenacker hinup dreien, as em de Haas bemött, de in ähnlichen Geschäften uutgahn wöör, nämlich um sienen Kohl to besehn. As de Swinegel den Haasen ansichtig wöör, so böhd he em en fründlichen go'n Morgen. De Haas aver, de up siene Wies en vörnehmer Herr was un grausahm hochfahrtig dabi, antwoorde nicks up den Swinegel sienen Gruß, sondern seg[g]te tom Swinegel, wobi he en gewaltig höhnische Miene ännöhm: "Wie kummt et denn, dat du hier all bi so fröhem Morgen im Feld rumlöppst?" "Ick gah spazeeren", seg[g]t de Swinegel. "Spazeeren?" lachte de Haas. "Mi ducht, du kunst de Been ook wol to betern Dingen gebruuken." Disse Antword verdrööt den Swinegel ungeheuer, denn alles kunn he verdregen, aver up siene Been laet he nicks komen, eben weil se von Natuhr scheef wöören. "Du bildst di wol in", seggt nu de Swinegel tom Haasen, "as wenn du mit diene Beene mehr utrichten kunnst?" "Dat denk ich", seggt de Haas. "Dat kummt up 'n Versöök an", meent de Swinegel, "ick pareer, wenn wi in de Wett loopt, ick loop di vörbi." "Dat is turn Lachen, du mit diene scheefen Been", seggt de Haas, "aver mienetwegen mach't sien, wenn du so övergroote Lust hest. Wat gilt de Wett?" "En goldne Lujedor un 'n Buddel Branwien", seggt de Swinegel. "Angenahmen", spröök de Haas, "sla in, un denn kann't gliek los gahn." "Nä, so groote Ihl hett et nich", meen de Swinegel, "ick bün noch gans nüchdern; eerst will ick to Huus gahn un en beeten fröhstücken: inner halwen Stund bün ich wedder hier upp'n Platz." Damit güng de Swinegel, denn de Haas wöör et tofreeden. Ünnerweges dachte de Swinegel bi sick: "De Haas verlett sick up sine langen Been, aver ick will em wol kriegen. He is zwar ehn vörnehm Herr, aver doch man 'n dummen Keerl, un betahlen sall he doch." As nu de Swinegel to Huuse ankööm, spröök he to sien Fro: "Fro, treck die gau (schnell) an, du mußt mit mi nah 'n Felde hinuut." "Wat givt et denn?" seggt sien Fro. "Ick hew mit 'n Haasen wett't üm 'n golden Lujedor un 'n Buddel Branwien, ick will mit em inn Wett loopen, und da salst du mit dabi sien." "O mien Gott, Mann", füng nu de Swinegel sien Fro an tu schreen, "büst do nich klook, hest du denn gans den Verstand verlaaren? Wie kannst du mit den Haasen in de Wett loopen wollen?" "Holt dat Muul, Wief", seggt de Swinegel, "dat is mien Saak. Resonehr nicht in Männergeschäfte. Marsch, treck die an, un denn kumm mit." Wat sull den Swinegel sien Fro maken? Se mußt wohl folgen, se mugg nu wollen oder nich. As se nu mit eenander ünnerwegs wöören, spröök de Swinegel to sien Fro: "Nu pass up, wat ick seggen will. Sühst du, up den langen Acker, dar wüll wi unsen Wettloop maken. De Haas löppt nemlich in der eenen Föhr (Furche) und ick inner andern, un von baben (oben) fang wie an to loopen. Nu hast du wieder nicks to dohn, as du stellst di hier unnen in de Föhr, un wenn de Haas up de andere Siet ankummt, so röpst du em entgegen: 'Ick bün all (schon) hier.' " Damit wöören se bi den Acker anlangt, de Swinegel wiesde siener Fro ehren Platz an und gung nu den Acker hinup. As he baben ankööm, wöör de Haas all da. "Kann et losgahn?" seggt de Haas. "Ja wol", seggt de Swinegel. "Denn man to!" Un damit stellde jeder sick in siene Föhr. De Haas tellde (zählte): "Hahl een, hahl twee, hahl dree", un los güng he wie en Stormwind den Acker hindahl (hinab). De Swinegel aver lööp ungefähr man dree Schritt, dann duhkde he sick dahl (herab) in de Föhr un bleev ruhig sitten. As nu de Haas in vullen Loopen ünnen am Acker ankööm, rööp em den Swinegel sien Fro entgegen: "Ick bün all hier." De Haas stutzd un verwunderde sick nich wenig: he menede nich anders, als et wöör de Swinegel sülvst, de em dat torööp, denn bekanntlich süht den Swinegel sien Fro jüst so uut wie ehr Mann. De Haas aver meende: "Datt geiht nich to mit rechten Dingen." He rööp: "Nochmal geloopen, wedder üm!" Un fort güng he wedder wie en Stormwind, dat em de Ohren am Koppe flögen. Den Swinegel sien Fro aber blev ruhig up ehren Platze. As nu de Haas baben ankööm, rööp em de Swinegel entgegen: "Ick bün all hier." De Haas aver, ganz unter sik vör Ihwer (Ärger), schreede: "Nochmal geloopen, wedder üm!" "Mi nich to schlimm", antwoorde de Swinegel, "mienetwegen so oft, as du Lust hest." So löp de Haas noch dreeundsöbentigmal, und de Swinegel höhl (hielt) et ümmer mit em uut. Jedesmal, wenn de Haas ünnen oder baben ankööm, seggten de Swinegel oder sien Fro: "Ick bün all hier." Tum veerunsöbentigstenmal aver köm de Haas nich mehr to ende. Midden am Acker stört he tor Eerde, datt Blohd flög em ut 'n Halse, un he bleev doot up 'n Platze. De Swinegel aver nöhm siene gewunnene Lujedor un den Buddel Branwien, rööp siene Fro uut der Föhr aff, un beide gingen vergnögt mit eenanner nah Huus; un wenn se nich storben sünd, lewt se noch. So begev et sick, dat up de Buxtehuder Heid de Swinegel den Haasen dodt lopen hett, un sied jener Tied hatt et sick keen Haas wedder infallen laten, mit 'n Buxtehuder Swinegel in de Wett to lopen. De Lehre aver uut disser Geschicht is erstens, datt keener, un wenn he sick ook noch so vörnehm dücht, sick sal bikommen laten, övern geringen Mann sick lustig to maken, un wöört ook man 'n Swinegel. Un tweetens, datt et gerahden is, wenn eener freet, dat he sick ne Fro uut sienem Stande nimmt un de jüst so uutsüht as he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, dat siene Fro ook en Swinegel is, un so wieder. Der Hase und der Igel Hochdeutsche FassungDiese Geschichte ist eigentlich gelogen, Kinder, aber wahr ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie erzählte, zu sagen: "Wahr muß sie sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen." Die Geschichte aber hat sich so zugetragen. Es war an einem Sonntagmorgen im Herbst, gerade als der Buchweizen blühte; die Sonne war am Himmel aufgegangen, und der Wind strich warm über die Stoppeln, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und die Bienen summten im Buchweizen. Die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt, auch der Igel. Er stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, er guckte in den Morgenwind hinaus und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht wie am Sonntagmorgen ein Igel eben zu singen pflegt. Während er nun so vor sich hinsang, fiel ihm plötzlich ein, er könnte doch, während seine Frau die Kinder wusch und ankleidete, ein bißchen im Feld spazierengehen und nachsehen, wie die Steckrüben standen. Die Steckrüben waren ganz nah bei seinem Haus, und er pflegte sie mit seiner Familie zu essen, darum sah er sie auch als die seinigen an. Gedacht, getan. Er schloß die Haustür hinter sich und schlug den Weg zum Feld ein. Er war noch nicht sehr weit und wollte gerade um den Schlehenbusch herum, der vor dem Feld stand, als er den Hasen erblickte, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Igel den Hasen sah, wünschte er ihm freundlich einen guten Morgen. Der Hase aber, der auf seine Weise ein vornehmer Herr war und grausam hochfahrend noch dazu, antwortete gar nicht auf des Igels Gruß, sondern sagte mit höhnischer Miene: "Wie kommt es, daß du hier schon so am frühen Morgen im Feld herumläufst?" "Ich gehe spazieren", sagte der Igel. "Spazieren?" lachte der Hase. "Du könntest deine Beine schon zu besseren Dingen gebrauchen." Diese Antwort verdroß den Igel sehr. Alles kann er vertragen, aber auf seine Beine läßt er nichts kommen, gerade weil sie von Natur aus krumm sind. "Du bildest dir wohl ein, du könntest mit deinen Beinen mehr ausrichten?" sagte er. "Das will ich meinen", sagte der Hase. "Nun, das kommt auf einen Versuch an", meinte der Igel. "Ich wette, wenn wir um die Wette laufen, ich lauf schneller als du." "Du - mit deinen krummen Beinen?" sagte der Hase. "Das ist ja zum Lachen. Aber wenn du so große Lust hast - was gilt die Wette?" "Einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein", sagte der Igel. "Angenommen", sagte der Hase, "schlag ein, und dann kann es gleich losgehen." "Nein, so große Eile hat es nicht", meinte der Igel, "ich hab' noch gar nichts gegessen; erst will ich nach Hause gehen und ein bißchen was frühstücken. In einer Stunde bin ich wieder hier." Damit ging er, und der Hase war es zufrieden. Unterwegs aber dachte der Igel bei sich: "Der Hase verläßt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und das soll er bezahlen." Als er nun nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: "Frau, zieh dich rasch an, du mußt mit mir ins Feld hinaus." "Was gibt es denn?" fragte die Frau. "Ich habe mit dem Hasen um einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein gewettet, daß ich mit ihm um die Wette laufen will. Und da sollst du dabei sein." "O mein Gott, Mann", begann die Frau loszuschreien, "hast du denn ganz den Verstand verloren? Wie willst du mit dem Hasen um die Wette laufen?" "Halt das Maul, Weib", sagte der Igel, "das ist meine Sache. Misch dich nicht in Männergeschäfte! Marsch, zieh dich an und komm mit!" Was sollte also die Frau des Igels tun? Sie mußte gehorchen, ob sie wollte oder nicht. Als sie miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau: "Nun paß auf, was ich dir sage. Dort auf dem langen Acker will ich unseren Wettlauf machen. Der Hase läuft in einer Furche, und ich in der anderen, und dort oben fangen wir an. Du hast nun weiter nichts zu tun, als daß du dich hier unten in die Furche stellst, und wenn der Hase in seiner Furche daherkommt, so rufst du ihm entgegen: "Ich bin schon da!" So kamen sie zu dem Acker, der Igel wies seiner Frau ihren Platz an und ging den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. "Kann es losgehen?" fragte er. "Jawohl", erwiderte der Igel. "Dann nur zu." Damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte: "Eins, zwei, drei", und los ging er wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Igel aber lief nur etwa drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche hinein und blieb ruhig sitzen. Und als der Hase im vollen Lauf am Ziel unten am Acker ankam, rief ihm die Frau des Igels entgegen: "Ich bin schon da!" Der Hase war nicht wenig erstaunt, glaubte er doch nichts anderes, als daß er den Igel selbst vor sich hatte. Bekanntlich sieht die Frau Igel genauso aus wie ihr Mann. "Das geht nicht mit rechten Dingen zu", rief er. "Noch einmal gelaufen, in die andere Richtung!" Und fort ging es wieder wie der Sturmwind, daß ihm die Ohren am Kopf flogen. Die Frau des Igels aber blieb ruhig an ihrem Platz sitzen, und als der Hase oben ankam, rief ihm der Herr Igel entgegen: "Ich bin schon da!" Der Hase war ganz außer sich vor Ärger und schrie: "Noch einmal gelaufen, noch einmal herum!" "Meinetwegen", gab der Igel zurück. "Sooft du Lust hast." So lief der Hase dreiundsiebzigmal, und der Igel hielt immer mit. Und jedesmal, wenn der Hase oben oder unten am Ziel ankam, sagten der Igel oder seine Frau: "Ich bin schon da." Beim vierundsiebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel. Mitten auf dem Acker fiel er zu Boden, das Blut floß ihm aus der Nase, und er blieb tot liegen. Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Golddukaten und die Flasche Branntwein, rief seine Frau von ihrem Platz am Ende der Furche, und vergnügt gingen beide nach Hause. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. So geschah es, daß auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen zu Tode gelaufen hatte, und seit jener Zeit hat kein Hase mehr gewagt, mit dem Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen. Die Lehre aus dieser Geschichte aber ist erstens, daß sich keiner, und wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, einfallen lassen soll, sich über einen kleinen Mann lustig zu machen, und wäre es auch nur ein Igel. Und zweitens, daß es gut ist, wenn einer heiratet, daß er sich eine Frau von seinem Stand nimmt, die geradeso aussieht wie er. Wer also ein Igel ist, der muß darauf sehen, daß auch seine Frau ein Igel ist.
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