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Brüder Grimm |
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Zur Geschichte der Kinder- und Hausmärchen
Der Siegeszug der Grimmschen Märchen um die Welt begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erstmals erschienen sie 1812 und 1815 in zwei Teilen. Ein dritter Teil schloss sich 1822 an, der die Anmerkungen der Brüder und Varianten enthielt. Die mündlichen Überlieferungen der Märchenerzähler sind mit dieser Sammlung in Deutschland erstmals in großem Stil schriftlich fixiert worden. Zwar gab es in Deutschland bereits die fünfbändige Ausgabe von Musäus "Volksmärchen der Deutschen", herausgegeben von 1782 bis 1786, und die vierbändige Ausgabe von Benedikte Naubert mit dem Titel die "Neuen Volksmährchen der Deutschen", die von 1789 bis 1792 erschienen, doch erst die Grimms machten das Volksmärchen als eigene Gattung salonfähig, die künftig vom Kunstmärchen, von Sagen und Legenden unterschieden wurde. Lange Zeit hat sich die Auffassung gehalten, die Märchen der Brüder Grimm – zumindest die der ersten Ausgabe – seien so etwas wie "Urmärchen", der schriftliche Niederschlag der originalen tradierten Volkserzählung in Deutschland. Prof. Dr. Heinz Rölleke hat jedoch nachgewiesen, dass die Brüder bei ihrer Sammeltätigkeit "zunächst und stets überwiegend an junge, sehr gebildete Damen aus dem gehobenen Bürgertum" gerieten. "Große Bereiche mündlicher Volksmärchenüberlieferung kamen ihnen nicht zu Gesicht oder wurden von ihnen übergangen, weil sie ihren sich immer stärker profilierenden Idealen von unversehrter Ursprünglichkeit, tiefsinniger Einheit und kindlicher Reinheit nicht entsprachen." (Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Reclam 2001, 2. Auflage, Band 3, Seite 601) Die Brüder selbst haben die Nachwelt darüber im unklaren gelassen, dass einige ihre Hauptbeiträger weder besonders volksnah noch besonders deutsch waren. Die Töchter Hassenpflug beispielsweise wurzelten im gehobenen Bürgertum und waren hugenottischer Abkunft. Obwohl die Märchen zu einem großen Teil auf mündlicher Überlieferung basierten, gab es eine Reihe Entlehnungen aus schriftlichen Quellen. "Rapunzel", das wurde von Prof. Dr. Rölleke nachgewiesen, entstammt der Feder einer französischen Hofdame (vgl. Rölleke, Grimms Märchen und ihre Quellen, Wissenschaftl. Verlag Trier 1998, S. 14-30). Die Grimms fanden den Text bei Friedrich Schultz, einem Romanschriftsteller des 18. Jahrhunderts. In seinem Buch "Kleine Romane" von 1790 hatte er mit "Rapunzel" ein Feenmärchen der Mlle de la Force, die am Hof Ludwig des IVX. lebte, übersetzt. Die Grimms schreiben dazu in ihren "Anmerkungen": " Fr. Schulz erzählt dieses Märchen in seinen kleinen Romanen (Leipz. 1790)5, 269-288, nur zu weltläufig, wiewohl ohne Zweifel aus mündlicher Ueberlieferung" ( Kinder- und Hausmärchen, Reclam 2001, 2. Auflage, Band 3, Seite 22). Wie Max Lüthi in seinem Buch "Es war einmal..." bemerkt, ist der Schluss des Rapunzel-Märchens aus den Kinder- und Hausmärchen bei den Märchen dieses Typus eine Ausnahme. Bei allen anderen Varianten findet sich die magische Flucht (Lüthi, Es war einmal..., Seite 89). KHM 181 und KHM 186 beispielsweise basieren auf den Aufzeichnungen des deutschen Professors Rudolph Friedrich Moriz Haupt, der zwei Erzählungen aus der Oberlausitz in der "Zeitschrift für deutsches Alterthum" (1841/1842) veröffentlichte. Die beiden mundartlich gehaltenen Märchen "Von dem Fischer un syner Frau" und "Von dem Machandelboom" sind Texte des Malers Philipp Otto Runge, der im übrigen mit Pauline Bassenge, die aus einer großbürgerlicher Hugenottenfamilie stammte, verheiratet war. Die letzte Ausgabe von 1857 besteht aus 149 mündlichen Überlieferungen und 61 Buchexzerpten (Zeitschriften eingeschlossen). Dass es den Brüdern nicht in erster Linie um die Bewahrung der mündlichen Überlieferung ging, ist schon daran erkennbar, dass bereits von der zweiten Auflage an 21 mündlich überlieferte Märchen weggelassen wurden. (Eine gute Übersicht der Beiträger und Vermittler der Kinder- und Hausmärchen wird von Prof. Dr. Rölleke in der bereits oben genannten Ausgabe des Reclam Verlages gegeben.) Jedoch – so etwas wie das "eigentliche" Volksmärchen, das ganz für sich und unberührt von der Literatur Jahrhunderte lang tradiert wurde, hat es wahrscheinlich nie gegeben. Die gegenseitigen Einflüsse von schriftlicher Literatur und mündlicher Erzählung sind – das wird innerhalb der Forschung unterstrichen - wohl stärker als es bis vor einiger Zeit noch angenommen wurde. http://www.lrz-muenchen.de/~medkon/0612_maerchenueberlieferung.html
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